Suche
  • Andreas Matuschek

Psychologie 3.0 im digitalen Zeitalter

Aktualisiert: Jan 2


Abb. 1: Die akademische Psychologie beschäftigt sich in den letzten Jahren verstärkt mit dem Einfluss von Technologie auf unsere Psyche und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen.

"Die Dampfmaschine war das Beste was dem Pferd passieren konnte." (Raik Dalgas)


Nur wissen die meisten Menschen heute nicht, ob sie sich wie das Pferd über die Dampfmaschine "Digitalisierung" freuen sollen, weil sie einerseits neue Formen der Arbeit hervorbringt, Menschen einfache bis komplexe Tätigkeiten abnimmt und neue Möglichkeiten von A wie Akquise von Kunden im Internet bis Z wie die Zugriffszeiten auf Wissensbestände revolutionieren beinhaltet. Oder ob sie sich anderseits von den schnellen, tiefgreifenden Veränderungen in ihren Jobs überfordert sowie geängstigt fühlen und schließlich von der digitalen Dampfmaschine überrollt werden.


Digitalisierung mit all ihren Facetten, ihrer Komplexität und ihrer Kraft zur Veränderung ist nur schwer zu fassen und eine einseitige Lobpreisung des digitalen Wandels ist ebenso unangemessen wie eine Verteufelung aller durch sie ausgelösten Transformationen. Die neuen Phänomene im Bereich der Digitalisierung wie Künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Nano- & Biotechnologie, Big Data, Augmented & Virtual Reality, Blockchain, Internet of Things sowie soziale digitale Medien - um nur ein paar der wichtigsten digitalen Technologietrends zu nennen - haben auf der einen Seite großes Potential, viele Vorteile und bieten ungeahnte Möglichkeiten und auf der anderen Seite bergen sie zugleich Risiken, Ungewissheiten, Ängste und Gefahren.


Im Folgenden möchte ich mich ausschnittsweise mit ein paar neuen Bereichen der Psychologie beschäftigen, welche unmittelbar durch die Entwicklungen in der technologischen Domäne beeinflusst werden. Es wird um das neue Feld der Cyberpsychologie (I), um veränderte Wahlmöglichkeiten im digitalen Zeitalter (II) sowie um Network Thinking (III) gehen.


I. Cyberpsychologie


Ein relativ neuer Teilbereich innerhalb der Medienpsychologie ist die Cyberpsychologie. Erforscht werden derzeit neben vielen anderen spannenden Themen etwa die Identitäts- & Persönlichkeitsentwicklung durch den Aufbau einer "Internetpersönlichkeit", die Auswirkungen auf Lernfähigkeit und Intelligenz durch Computerspiele, Internetabhängigkeit, Kriterien für künstliche Intelligenz aus psychologischer Sicht oder Wissens- & Informationsmanagement in Zeiten von Darknet und Filterblasen. Nun möchte ich ein paar der Auswirkungen des Internets auf unseren Organismus kurz näher skizzieren.


1. Das Internet verändert unsere Zeitwahrnehmung

Denn die kognitive und emotionale Beteiligung bei Aktivitäten beeinflusst unser Zeitgefühl. In meiner Masterthesis beschäftigte ich mich bereits ausführlich mit der menschlichen Wahrnehmung von Zeit bei meinem Doktorvater, dem renommierten Zeitforscher und Psychologen Dr. Marc Wittmann. Kurzum empfinden wir Zeit als kürzer, wenn wir in einer beliebigen Situation unsere volle Aufmerksamkeit fokussieren und emotional und kognitiv beteiligt sind (z. B. beim Abendessen mit unseren Liebsten). Retrospektiv jedoch verändert sich unsere Wahrnehmung, da die intensiv erlebten Situationen in unserem Gedächtnis mehr Raum einnehmen und sie daher länger wirken.

Abb 2: Unser Zeiterleben wird durch das Internet nachhaltig verändert.

Dadurch nehmen wir diese Ausschnitte im Nachhinein als subjektiv länger wahr. Dieses Zeitparadoxon ist stabil und empirisch belegt. Das Internet mit seinen vielfältigen Kommunikationskanälen wie E-Mail-Konten, Facebook, Instagram, WhatsApp & Co. stört diesen etablierten Mechanismus, weil wir mit unserer Aufmerksamkeit ständig springen. Ob dies langfristig negative Auswirkungen auf unsere Gedächtnisbildung haben wird, wird sich noch zeigen. Zudem "verlieren" wir durch das unbedachte Surfen im Internet wertvolle Lebenszeit. Installieren Sie hierzu mal testweise eine App zur Aufzeichnung der täglichen Bildschirmzeit auf ihrem Smartphone oder Notebook. Sie werden, milde gesagt, verblüfft sein.


2. Kontrollverlust über unser Raumempfinden durch das Internet

Wir agieren mehr und mehr in virtuellen Räumen und vernachlässigen dadurch unsere physische Umgebung. Dies kann jede(r) bestätigen, der sich beim Autofahren auf sein/ihr Navigationsgerät oder Google Maps verlässt, um von A nach B zu kommen und eigentlich gar nicht mehr genau weiß, wo genau in Deutschland er/sie gerade ist. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Raum. Menschen geben in Internetportalen laut aktueller Studien immer mehr Informationen von sich preis. Durch Digitalisierung und Globalisierung verschwimmen überdies die Grenzen zwischen Zeitzonen, Tag und Nacht usw.


3. Online-Identitäten, Selbstdarstellung und Beeinflussung der Persönlichkeit

Impression Management, also die bewusste oder unbewusste Selbstdarstellung, verändert sich durch virtuelle Identitäten enorm. Viele sind gestresst und wissen eigentlich auch, dass sich beispielsweise bei Instagram die meisten Menschen positiv darstellen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen und dennoch belasten soziale Vergleiche mit dem "wunderbaren" Leben der Anderen. Viele fühlen sich dadurch enorm unter Druck gesetzt. Wir verdrängen dabei häufig, dass es sich um geschönte, selektive Eindrücke handelt. In den letzten Jahren hat sich ein komplett neuer Berufszweig der Influencer gebildet, die ihre starke soziale Präsenz in sozialen Netzwerken als Werbeträger nutzen um sich und Produkte von Unternehmen vermarkten. Manche mögen durch ihre Sichtweise aufs Leben inspirieren, viele unterstützen durch ihre Testimonials allerdings lediglich ihren eigenen Geldbeutel und die Gewinnentwicklung von Unternehmen.

Aktuelle Studien zeigen allerdings auch, dass sich durch positives Feedback von Followern, durch Kommentare und Likes das Selbstwertgefühl im echten Leben steigert. Es handelt sich also um ein enorm spannendes, dynamisches, komplexes Themengebiet, was noch viele Forscher mit all seinen positiven und negativen Blüten beschäftigen wird.


4. Zwischenmenschliche Beziehungen im Netz


Abb. 3: Zwischenmenschliche Beziehungen im realen Leben werden sich niemals durch virtuelle Beziehungen ersetzen lassen.

Einerseits haben zwischenmenschliche Beziehungen im Netz weniger Tiefgang als im echten Leben. Online-Freundschaften sind meistens deutlich oberflächlicher und sie können nicht die Hingabe, Mühe, Nähe und Intimität einer Freundschaft in der realen Welt ersetzen. Anderseits sind wir online in der Lage Kontakt zu "alten" Freundschaften zu pflegen, zu welchen wir sonst gar keinen Kontakt mehr hätten, weil z. B. die räumliche Trennung zu groß ist. Zusätzlich können berufliche Netzwerke wie LinkedIn oder Xing einen großartigen Mehrwert zur Vernetzung, zum Austausch oder zur Kundengewinnung haben. Man sollte die Kontakte aber nicht mit Freundschaften verwechseln, wenngleich sie natürlich daraus entstehen können.


5. Neue Dimension des Mobbings durch das Internet

Mobbing im Klassenzimmer oder im Büro gab es schon vor der Erfindung des Internets. Peinliche Momente, Demütigungen und Gelächter verlassen heute aber in Sekundenschnelle die realen Mauern und können sich virtuell verbreiten und von unzähligen Menschen kommentiert werden. Zudem führt die Unsichtbarkeit im Netz zu stärkeren Formen von Mobbing. Durch die Anonymität in Netz können sich Menschen von ihren Werten distanzieren und ihr Gewissen ausschalten. Eine wichtige Kontrollfunktion nehmen dort die Betreiber und Moderatoren von Online-Portalen ein um Mobbing-Geschädigte vor aggressiven, hemmungslosen Angriffen zu schützen. Auch Arbeitgeber müssen sich in diesem Zusammenhang mit dieser neuen Dimension von Mobbing im Berufsleben auseinandersetzen.


6. Über- & Unterforderung unseres Gehirns

Im Berufsleben wird Multitasking oft als erstrebenswerte Eigenschaft gelobt. Aber unser Gehirn eignet sich nicht für Multitasking, denn unsere Wahrnehmung und Erinnerung von Objekten und Situationen verlangsamt beziehungsweise verschlechtert sich, wenn wir versuchen sie gleichzeitig aufzunehmen. Durch Facebook, Amazon, Twitter, YouTube oder auch durch den Newsfeed bei Berufsnetzwerken füttern wir unser Gehirn mit einer überwältigenden Anzahl von Informationen und überfordern es dadurch.

Abb. 4: Wo gibt es Informationen wird wichtiger als Wissen selbst.

Gleichzeitig unterfordern wir unser Gehirn regelmäßig, weil wir durch zwei Klicks bei Google, Bing & Co. alles nützliche Wissen kurzerhand parat haben und uns dadurch Informationen weniger strukturiert merken müssen. Es wird immer relevanter zu wissen, wo wir Informationen online abrufen können, anstatt im Gehirn abgespeicherte Informationen abzurufen. Augmented Reality wird hier weitere Entwicklungen befördern. Damit sind wir zum Beispiel in der Lage, unsere reale Welt mit virtuellen Informationen wie etwa Wissensbestände anzureichern.


7. Krankheiten und Paranoia im Netz

Viele bekommen ohne ihr Smartphone oder einen Internetanschluss in ihrer Nähe Panik oder zumindest Schnappatmung. Die meisten Menschen haben mittlerweile ein ungesundes Abhängigkeitsverhältnis zum Internet entwickelt. "Internet Addiction" wurde gar von der American Psychiatric Society als Suchterkrankung anerkannt. Die schnelle Belohnung auf beispielsweise veröffentlichte oder geteilte Artikel durch Likes und Kommentare macht uns süchtig, weil sie im Gehirn zur Ausschüttung von Glückshormonen wie etwa Dopamin oder Serotonin führt. Beruflich wird mittlerweile oft erwartet, dass wir innerhalb von Minuten auf eingehende E-Mails antworten. Diese ständige Erreichbarkeit kann bekannterweise krank machen (s. a. "Depression und Burnout loswerden" von Klaus Bernhardt). Auch hier sollten Unternehmen einen Umgang mit Zeiten der Erreichbarkeiten der Mitarbeiter finden und auch Zeiten ohne digitale Ablenkung in der realen Welt anbieten.


8. Verantwortungsvoller Umgang im und mit dem World Wide Web

Es gibt also viele Vor- und Nachteile des Internets (dies wird heute niemanden mehr verwundern), wenngleich ich aus psychologischer Sicht mit einer gesunden Skepsis die Nachteile etwas mehr betont habe. Zum Beispiel bietet das Darknet einerseits einen Raum zur Meinungsäußerung für politisch unterdrückte Journalisten und anderseits ist es ein Eldorado für Pädophile oder illegale Waffengeschäfte. Es geht also um die Etablierung einer Online-Ethik und einer zügigen Anpassung und Erweiterung der Gesetze auf den virtuellen Raum inklusive der Überwindung der technischen Hürden. Die Anbieter von Online-Plattformen müssen mehr zur Verantwortung gezogen werden, um eine gesetzeskonforme Nutzung des Internets zu garantieren. Jeder kann im kleinen seinen Beitrag zu einem sicheren virtuellen Raum leisten, indem wir bewusst entscheiden, welchen Websites wir glauben und welchen nicht, welche Informationen wir preisgeben und wie medienkompetent und offen wir im Umgang mit neuen Phänomenen der digitalen Welt sind.


II. Wahlmöglichkeiten im digitalen Zeitalter


"Es ist notwendig, dass junge Menschen lernen, Entscheidungen zu treffen. Die richtigen Entscheidungen zu treffen ist die einzige Möglichkeit, in einer immer beängstigender werdenden Welt zu überleben" (Lois Lowry)


Wenngleich die Kinderbuchautorin Lois Lowry die Rolle von Entscheidungen recht drastisch formuliert, hat sie doch recht damit, dass es enorm wichtig ist für jung (und alt) eigene Entscheidungen zu treffen. Dieser Erkenntnis kommt noch eine größere Rolle zu, wenn wir die schier unendlichen Wahlmöglichkeiten im digitalen Zeitalter betrachten, welche eine Entscheidungsfindung enorm erschweren.


1. Neue Entscheidungen mit jedem Jahr

Die Auswahlmöglichkeiten, die sich im 21. Jahrhundert nicht jährlich, sondern gefühlt stündlich vermehren, sind enorm. Sei es die Wahl des Ausbildungs- oder Studiengangs, die Job- oder Ortswahl, der Stromanbieter, der Internet- oder Handytarif, die Fülle an Auswahlmöglichkeiten von potenziellen Partnern oder Partnerinnen auf Online-Plattformen oder die Auswahl beim Online-Giganten Amazon in jedweder Kategorie. Unsere Welt wird vielfältiger und komplexer und der digitale Zugang zu Produkten, Dienstleistungen oder Kontakten weltweit einfacher denn je, was die Auswahl wiederum extrem steigert.


2. Je mehr Optionen wir haben, desto schwieriger wird es

Nun könnte man das Thema schnell ad acta legen und sich über die gewonnenen Wahlmöglichkeiten freuen. Wie der französische Philosoph Albert Campus amüsant verdeutlichte, ist alles im Leben eine Wahl. Er sagte nämlich: "Soll ich mich umbringen, oder eine Tasse Kaffee trinken?"


Abb. 5: Je mehr Optionen wir haben, desto unzufriedener werden wir. Wobei Pralinen hier vermutlich eine Ausnahme darstellen ;)

Jede Sekunde treffen wir Entscheidungen. Pizza oder Pasta, jetzt oder später oder gar nicht duschen usw. Diese Alltagsgewohnheiten bedürfen allerdings selten einen Entscheidungsaufwand. Dennoch ist unser Leben, wie unter II.1 aufgezeigt, mit Entscheidungen überflutet und viele davon sind oder muten existenziell an. Zudem wollen wir bei unseren Entscheidungen keine Fehler machen. Haben wir uns einmal entschieden, werden wir unentwegt mit Alternativen konfrontiert und der Druck wächst ob wir die wohl richtige Entscheidung getroffen haben.


3. Steigende Fehleranfälligkeit durch ansteigende Zahl der Optionen

Zu wissen was man in Zukunft will, bedeutet im Grunde zu antizipieren, welche Gefühle eine Entscheidung in uns auslösen wird. Mit zunehmender Auswahlmöglichkeit, steigt jedoch auch unsere Anfälligkeit für Fehler. Denn unsere Entscheidungen werden häufig von verzerrten Erinnerungen bestimmt, wie Nobelpreisträger Daniel Kahneman in zahlreichen Experimenten dargelegt hat (ausführliche Infos dazu in seinem Übersichtswerk "Schnelles Denken, langsames Denken"). Leider sind unsere Sinne nicht nur bezüglich unserer Vergangenheit getrübt, sondern auch bei der Vorhersage von zukünftigen Entscheidungen. Mit der Fülle und Komplexität von Entscheidungsmöglichkeiten durch Internet & Co. spitzt sich dieses Phänomen noch zusätzlich zu.


4. Große Auswahl = Unzufriedenheit mit unserer Entscheidung

Egal wie wir uns entscheiden, sicher ist, dass wir auf Alternativen verzichten müssen. Diese "Kosten" durch den Verzicht werden auch Opportunitätskosten genannt und wohnen jeder Entscheidung inne. Mit zunehmenden Alternativen steigen somit auch die Kosten und die Attraktivität der gewählten Option nimmt ab. Kurz gesagt: Je gewaltiger die Auswahl, desto gewichtiger sind auch die Opportunitätskosten und desto geringer fällt die Zufriedenheit für die getroffene Wahl aus. Ein Teufelskreis, wenn wir bedenken, dass wir von unserer Couch aus in fast jedem Bereich in Sekundenbruchteilen im World Wide Web Optionen bei Online-Versandhändlern, Partnerbörsen oder Jobbörsen geboten bekommen. Zufriedenheit mit dem was man hat, wird da zu einer echten Herausforderung. Sind wir also zum Unglück und Unzufriedenheit verdammt? Nein! Mögliche Lösungen wären der Minimalismus als Lebenskonzept (s. II.6) oder das Einnehmen der Rolle als Satisficer (s. II.5).


5. Maximizer und Satisficer

Maximizer geben sich nur mit dem Besten zufrieden und leiden darunter. Das Maximieren ist eine Strategie, bei der wir versuchen alle möglichen Optionen zu berücksichtigen und zu prüfen. Dies macht Entscheidungsprozesse sehr schleppend und es erhöht mit dem Wissen von allen Alternativen zusätzlich die Opportunitätskosten, was die getroffene Wahl weniger attraktiv erscheinen lässt. In Zeiten schier unendlicher Auswahl eine schlechte Wahl der Entscheidungsfindung. Satisficer sind dagegen eher genügsam, weil sie nur bis zu dem Zeitpunkt suchen, bis ihre Standards erfüllt sind. Diese relativ simple Strategie, nämlich "Ist mein Standard erfüllt oder nicht?", ist zügig und macht aufgrund der geringeren Opportunitätskosten zufriedener. Satisficer sind eher immun gegenüber der stetig wachsenden Anzahl an Möglichkeiten im Internet. Es ist also ein Konzept, welches sofort ausprobiert werden kann, indem man Standards festlegt und nur bis zur deren Erreichung sucht, um dann eine Entscheidung zu fällen. Dies lässt sich im Privatleben ebenso anwenden wie im Geschäftsleben.


6. Minimalismus als Weg zur Zufriedenheit

Wir verdienen zwar heutzutage mehr Geld als jemals zuvor und geben auch mehr Geld aus, doch der Preis dafür ist die geringere Zeit mit uns wichtigen Menschen. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht hier von einer tiefen Resonanzkrise, weil in der ewigen Beschleunigung der kapitalistischen Steigerungs- und Wachstumslogik immer weniger Zeit für die wichtigen gesellschaftlichen Themen und emotionalen Weltbeziehungen wie etwa unsere Familie und Freunde bleiben. Bindung und Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe wirken wie ein Vakzin gegen Unzufriedenheit. Ein möglicher Weg zur inneren Zufriedenheit ist also ein bewusster Umgang mit der eigenen Lebenszeit, die Überprüfung der eigenen materiellen Ziele und die Einladung zur Neuausrichtung beziehungsweise der Austausch von Zielen.

Abb. 6: Minimalismus als Weg in allen Lebensbereichen.

Statt das große Geld zu verdienen, könnten wir zum Beispiel wie ein Satisficer so viel Geld verdienen, bis unsere Standards erfüllt sind und uns die restliche Zeit mit Freunden, Familie und Hobbies umgeben. Denn wie Mark Twain wunderbar bemerkte: "Das Geheimnis des Glücks ist, statt Geburtstage die Höhepunkte des Lebens zu zählen." Diese finden wir meistens ganz in unserer Nähe.


III. Network Thinking


Der Arbeitsmarkt ist seit jeher im Wandel begriffen. Durch die Erfindung und flächendeckende Nutzung des Internets in vielen Teilen der Welt vollzieht sich dieser Wandel noch rasanter als jemals zuvor. Network Thinking lädt dazu ein, neu zu denken, um kreativer zu arbeiten. Denn der digitale Wandel hat zahllose Möglichkeiten mit sich gebracht, wie etwa Informationen unbegrenzten Ausmaßes, die Unabhängigkeit von Experten bei der Aneignung von Wissen und viele andere.


1. Vernetzte Form des Lernens im digitalen Zeitalter

Ulrich Weinberg bezeichnet die aktuell ablaufende digitale Revolution in seinem Werk "Network Thinking" als die Abkehr vom linearen Brockhaus-Denken und den Weg hin zu neuen vernetzten Formen des Lernens. Denn in den "alten" Enzyklopädien wurde Wissen in Kategorien von A bis Z nach Fachgebieten oder rein alphabetisch sortiert. Die größte Online-Enzyklopädie Wikipedia löst einerseits alte Hierarchien auf, weil die Artikel von Hobby- und Fachautoren gleichermaßen geschrieben werden und andererseits wird das Denken in Kategorien abgeschwächt, da Wikipedia alle Informationen per Hyperlink verbindet. Dies kommt einem gehirngerechten assoziativen Denken viel näher. Und diese Verknüpfung findet sich nicht nur bei Wikipedia, sondern bei vielen Bereichen des Internets, wie etwa in webbasierten sozialen Netzwerken wie LinkedIn, Xing, Twitter, Instagram, YouTube & Co.


2. Überwindung von Fachgebieten und Hierarchien

Wie es etwa die Google LLC seit Jahren praktiziert (Fortschritte zum autonomen Fahren wurden durch ein Team von Programmieren, Ingenieuren und Autodesignern geleistet), liegt der Schlüssel zum modernen Arbeitsmarkt in der Verknüpfung von Fachgebieten wie etwa durch interdisziplinäre Teams und der Überwindung von rigiden Hierarchien. Denn durch deren Auflösung entstehen ganz neue Dynamiken und die Kreativität wird gefördert. Dies lässt sich beispielsweise schon durch triviale Veränderungen wie etwa ein runder Tisch zum Arbeiten symbolisieren, welcher für Gleichberechtigung steht. Ansätze der modernen Führung und agiles Projektmanagement wie Scrum weisen den Weg.


3. Einbezug der Mitarbeiter im Unternehmen

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum vernetzten Denken in Unternehmen ist das Ausschöpfen des kreativen Potentials von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Dazu müssen Leistungsvergleiche zwischen Kollegen eingeschränkt werden, da sie Druck ausüben und ein System der Konkurrenz schaffen. Der Neurobiologe Dr. Gerald Hüther spricht hier vom Hirn als "soziales Konstrukt", welches nur im Team unter Mitmenschen zur vollen Reife heranwachsen und sein Potential entfalten könnte. Neue Ideen können entstehen, strikte Strukturen aufgelöst und kreative Kooperationen gefördert werden.


4. Teamwork

Teamwork ist ein wichtiger Grundpfeiler des Network Thinking. Denn Unternehmen sollen vom isolierten Einzelkämpfertum zum kooperativen Arbeiten gebracht werden. Heterogene Gruppen, bezogen auf Geschlecht, Alter, Arbeitserfahrung und -bereich, sowie kulturelle Hintergründe, sollten gebildet werden, um von der Vielfältigkeit zu profitieren (s. a. "Die "Weisheit der Vielen" von James Surowiecki). Wichtig sind für die Entfaltung des Gruppenpotentials ein vertrauensvoller Austausch, Gemeinschaftsräume und eine transparente Fehlerkultur.

Abb. 7: Vom Einzelkämpfer zum Teamplayer.

5. Das Bildungssystem und die Ausrichtung von Universitäten

Auch das Bildungssystem sollte umdenken und neue Unterrichtsmethoden einsetzen, denn die traditionelle Unterrichtsform mit dem Lehrer als Experten und den Schülern als Aufnehmende des Wissens entspricht dem Brockhaus-Denken und lässt kaum Platz für einen Wissensaustausch, interaktives Arbeiten und Kreativität. Denn Wissen bleibt viel eher hängen, wenn wir es aktiv erleben, anstatt es theoretisch zu rezipieren. Die Idee ist ein Umdenken vom Gegeneinander zum Miteinander. Dieses vernetzte Lernen sollte dann auch im Studium fortgeführt werden. Denn Universitäten sollten ihre Studenten durch interdisziplinäre und praxisnahe Aufgaben auf die Arbeitswelt vorbereiten. Auch an Universitäten könnte eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Forschungsdisziplinen angeregt werden und die noch maue Landschaft von multidisziplinären Studiengängen weiter ausgebaut werden. Größere Praxisanteile im Studium wären eine weitere sinnvolle Ergänzung. Und generell sollten in Schulen, Ausbildungsgängen und Universitäten mehr gelernt werden, wie man richtig lernt. Die Ansätze des Network Thinking bieten hierbei wertvolle Anregungen. Siehe zu einer weiteren Beschäftigung mit diesem Thema auch die Werke "Speed Reading" und "Das Mind-Map-Buch" vom britischen Autor, Redner und Trainer Tony Buzan.


IV. Fazit


Cyberpsychologie, veränderte Wahlmöglichkeiten im Netz und der Ansatz Network Thinking sind nur drei von vielen Themen, mit denen sich die Psychologie im digitalen Zeitalter beschäftigt und sich durch Forschung und Anwendung einen eigenen Standpunkt erarbeitet. Die drei Teilbereiche wurden nur in Kürze angeschnitten, so blieb beim Network Thinking beispielsweise Design Thinking und Wissensaustausch zwischen Abteilungen unerwähnt. Da Cyberpsychologie sich mit allen psychologischen Phänomenen im digitalen Netz beschäftigt, musste bei meinem Blog-Beitrag zwangsläufig eine Auswahl getroffen werden. Die Erforschung von Wahlmöglichkeiten und deren Folge ist ebenso mit vielfältigen Forschungsbemühungen verknüpft und eine Vorstellung kann nur selektiv ausfallen. Wer beim Lesen des Blog-Beitrags weiteres Interesse zu den vorgestellten Themen gewonnen hat, kann etwa das übersichtlich geschriebene Buch "Cyberpsychologie" von Dr. Catarina Katzer, die "Anleitung zur Unzufriedenheit" von Prof. Barry Schwartz ( der englische Originaltitel "The Paradox of Choice" ist bezüglich des Themas deutlich treffender gewählt) oder "Network Thinking" von Prof. Ulrich Weinberg lesen. Eine gelungene Einführung zum Thema Digitalisierung liefert etwa Philip Specht mit seinem Buch: "Die 50 wichtigsten Themen der Digitalisierung."

Abb. 8: Gemeinsam können wir die virtuelle und physische Welt positiv gestalten.

Durch einen verantwortungsvollen, ethischen Umgang mit dem Internet auf privater wie gesellschaftlicher Ebene, durch eine Entscheidung für innere Begrenzung (durch die Rolle als Satisficer und einem minimalistischen Lebenskonzept), sowie die Offenheit für gehirngerechte und menschenfreundliche Arbeitsweisen und Lernmethoden durch das Konzept Network Thinking, können wir auf verschiedenen Ebenen mitwirken, damit der weitere Verlauf des digitalen Zeitalters einerseits kontrolliert und positiv verläuft und anderseits die Vorteile die Nachteile überwiegen und wir und unsere Liebsten psychisch gesund bleiben.

“Die digitale Welt verantwortlich, fair und umweltfreundlich? Dafür kommt es jetzt auf unsere Entscheidungen an!” (Saskia Dörr)


Ihr Andreas Matuschek





166 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen