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  • Andreas Matuschek

Krisenkommunikation in Zeiten einer Pandemie

Aktualisiert: Jan 21

Epidemisch oder gar pandemisch auftretende neuartige Infektionserkrankungen, über die wir - wie im Falle des Corona-Virus (genauer COVID-19 oder SARS-CoV-2) – noch nicht allzu viel wissen, verunsichern uns Menschen. Das ist nachvollziehbar, denn die Situation ist ungewöhnlich. Wenn dann zur Verhinderung einer raschen Ausbreitung von COVID-19 das öffentliche Leben stark eingeschränkt wird und auch Ausgangssperren nicht mehr ausgeschlossen werden können, stellt uns das nicht nur gesellschaftlich vor große Herausforderungen, sondern die Situation kann neben möglichen Folgen für die körperliche Gesundheit v. a. auch psychisch sehr belastend sein.

Abb. 1: Ein Bild, dass man während der aktuellen Corona-Krise in Kliniken häufiger zu sehen bekommt, da ganz andere Anforderungen an die Hygiene und Desinfektion gestellt werden.

Viren können mit dem bloßen Auge nicht wahrgenommen werden und haben auch keinen wahrnehmbaren Geruch – sie sind mit unseren Sinnesorganen nicht erfassbar. Erkennbar werden sie nur durch einen medizinischen Nachweis und durch die Krankheitszeichen, die sie mit sich bringen, die jedoch zugleich auch Symptome eines grippalen Infekts sein können. Somit sind die Erreger für viele wie ein unberechenbarer „unsichtbarer Feind“, vor dem man sich nur bedingt schützen kann. Das daraus folgende Gefühl der Angst und Unsicherheit wird aktuell noch dadurch verstärkt, dass es (noch) keinen Impfstoff gibt, Infektionswege und Symptome (noch) nicht erschöpfend geklärt sind und Schutzmaßnahmen, die eine schnelle Ausbreitung des Virus verhindern sollen, auf Basis einer unübersichtlichen Informationslage teilweise wenig abgestimmt erscheinen.


Die Corona-Krise erfordert noch nie dagewesene Maßnahmen und legt das öffentliche Leben in einer uns nicht bekannten Art und Weise lahm. Die daraus resultierende Sorge um die eigene Gesundheit, aber auch die Gesundheit von Familienangehörigen, Freunden und Arbeitskollegen und -kolleginnen erleben einige Menschen – auch medizinische Profis – als eine krisenhafte Situation und können daher Gefühle von Verunsicherung und Angst, von Hilflosigkeit oder sogar Kontrollverlust hervorrufen. Wichtig: All diese Empfindungen und Reaktionen sind normal und natürlich! Im Folgenden werde ich kurz aufzeigen, was wir füreinander tun können, was nicht tolerabel ist und wie wir uns gegenseitig psychosozial unterstützen können.


I. Was wir (füreinander) tun können...


1. Umgang

Ein wertschätzender, empathischer und authentischer Umgang ist immer zu empfehlen. In Krisenzeiten können wir besonders darauf Acht geben, einander respektvoll und empathisch zu begegnen. Denn Krisen wie die Ausbreitung des Virus COVID-19 im pandemischen Ausmaß betreffen alle Menschen und daher geht es nicht allein um individuelles Leid. Unsere Reaktionen und Gefühle sind allerdings individuell. Jeder hat ein Recht darauf, so zu fühlen, wie er oder sie fühlt. Es gibt keine falschen Gefühle, denn es ist völlig normal und natürlich, dass wir unterschiedlich reagieren. Dies gilt es zu respektieren, damit wir uns gegenseitig nicht in Frage stellen. Entsprechend dem, wie ich anderen Gefühle und Reaktionen zugestehe, darf ich mir dann aber auch herausnehmen, so zu fühlen, wie ich mich fühle und entsprechend authentisch sein. Das bedeutet konkret: Zulassen und akzeptieren, wenn Mitarbeitende und Kollegen die Situation nicht wahrhaben wollen oder zu Gefühlsausbrüchen neigen. Es gilt die Vielfalt der Gefühle zuzulassen und anzunehmen. Zugleich darf und kann ich aber auch Rücksichtnahme mit Blick auf meine Gefühle einfordern. All dies gilt jedoch nur, solange keine Grenzen überschritten werden.


2. Nicht tolerierbar

So ist es nicht zu billigen, wenn den behördlichen und betrieblichen Anordnungen sowie Dienstanweisungen nicht Folge geleistet wird und jeder seine ganz eigene Handlungsmaxime bezüglich z. B. Corona-Partys entwickelt. Dies ist egoistisch und nicht im Sinne des Gemeinwohls und verlängert am Ende gar die Dauer des Ausnahmezustands. Gleichzeitig ist in diesen Tagen auf den Straßen eine große Anspannung und Verunsicherung zu spüren. Manche fühlen sich gar berufen als selbsternannte Hobby-Polizisten das scheinbar falsche Verhalten von Mitbürgern und Mitbürgerinnen zu kommentieren oder gar lautstark zu tadeln. Hier gilt es nicht die Balance zwischen Wachsamkeit und Vorsicht auf der einen Seite, und Gelassenheit sowie das Motto Leben und Leben lassen auf der anderen Seite zu verlieren. Zudem ist es nicht zu akzeptieren, wenn es aus dem eigenen Gefühl der Unsicherheit und Angst zu Ausgrenzungen von Menschen kommt, die tatsächlich oder vermeintlich Krankheitsüberträger sind (digitale Kommunikation ist ja weiterhin möglich). Jedoch muss es zweifelsohne zur einer Abgrenzung über eine soziale Isolation kommen, um den Übertragungsweg der Viren zu erschweren. Also keine Ausgrenzung, sondern eine Abgrenzung auf Zeit. Und wenn es sogar zu strafbaren Handlungen, wie dem Stehlen von Desinfektionsmitteln oder persönlicher Schutzausrüstung für den Privatgebrauch kommt oder Klopapier und Babynahrung gehamstert werden, dann ist jeder Einzelne gefragt, seinen Egoismus beiseite zu schieben und in sich den letzten Teil an Solidarität und das Einstehen für die Gemeinschaft herauszukramen.


II. Möglichkeiten gegenseitiger psychosozialer Unterstützung


1. Förderung von Sicherheit

In einer Krise oder in einer Notsituation darf jeder so empfinden, wie er oder sie empfindet, denn es gibt keine "falschen" Gefühle. Daher ist es sinnvoll stets jegliche Reaktion zu akzeptieren, wenn es sich nicht um selbst- oder fremdgefährdendes Verhalten handelt. Sinnvoll ist es in Unternehmen und Organisationen, momentan am meisten bei systemrelevanten Berufen wie etwa Kliniken oder Pflegeheimen einen geschützten Raum einzurichten bzw. einen diskreten Umgang mit Gefühlen zu wahren. Des Weiteren sollten während der aktuellen Krise pragmatische Angebote zur alltagsnahen Unterstützung (z. B. bei der Versorgung von Kindern, Pflege von Angehörigen, Einkäufen) und finanzielle Beihilfen für alle in wirtschaftlicher Not befindlichen Privatpersonen und Unternehmen (vom Konzern bis zum Solo-Selbstständigen) eingerichtet werden. Zur Förderung von Sicherheit gehört es ebenso, auch darauf hinzuweisen, dass derzeit keine Versorgungsengpässe mit beispielsweise Lebensmitteln zu erwarten sind und das persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel ständig nachgeordert werden. Einfache Atemübungen oder Entspannungsübungen können ebenfalls helfen, um in Zeiten großer psychischer und physischer Anspannung den Fokus zu behalten und eigenen Kräfte zu aktivieren.

Abb. 2: Einzelbetätigungen wie Yoga, Atemübungen oder Entspannungsübungen können während der Krise das Gefühl der Sicherheit aktivieren, indem innere Ressourcen aktiviert werden. Diese Betätigungen lassen sich allesamt auch alleine in der Wohnung durchführen.

2. Beruhigung und Orientierung

Hierbei ist es wichtig, dass der Arbeitgeber verlässliche Handlungsorientierung und Informationen gibt. Dazu finden regelmäßige, derzeit am besten tägliche, Informations-Updates für die Mitarbeitenden statt, ob vor Ort oder im Home-Office. Bei Organisationen, bei denen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen derzeit von zu Hause aus arbeiten bieten sich tägliche Updates über z. B. Rundmails, Live-Videos oder über virtuelle Teamsitzungen an. Hilfreich ist es darüber hinaus, wenn die Geschäftsführung und Führungskräfte die Mitarbeiter auf seriöse Quellen der Informationsgewinnung hinweisen und zu deren Gebrauch einladen, um Panikmache über "Fake News" und unausgewogene, schlecht recherchierte Nachrichten zu vermeiden. Als seriöse Quellen sind etwa der Öffentlich-rechtliche Rundfunk (z. B. die App der Tagesschau) oder die Internetseiten der Weltgesundheitsorganisation (http://www.euro.who.int/de/home) oder des Robert Koch-Instituts (https://www.rki.de) zu empfehlen.

Neben der internen Kommunikation gilt es ebenso die externe Kommunikation zu beachten, indem man seinen Kundenstamm, seine Lieferanten usw. über Updates auf dem Laufenden hält und daher in regelmäßigen Abständen die dynamische Situation neu beurteilt und beispielsweise über ein FAQ häufig gestellte Fragen zusammenträgt.


3. Förderung der Selbstwirksamkeit und kollektiven Wirksamkeit

Die komplette Gesellschaft kann sich an der Bewältigung der aktuellen Situation beteiligen. Genauso kann sich im Kleinen jeder Mitarbeitende der unterschiedlichen Unternehmen und Branchen beteiligen, wenn sie nur wissen, wo und wie sie sich (auch füreinander) im Einzelnen einbringen können. Daher ist es so wichtig zuvor Sicherheit, Beruhigung und Orientierung zu bieten. Ob sich Menschen derzeit aktiv in systemrelevanten Berufszweigen (Kritische Infrastruktur) etwa in der staatlichen Verwaltung, im Gesundheitsbereich, im Sicherheitssektor oder in der Aufrechterhaltung der Infrastruktur durch Transport und Energie sowie in der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung einbringen. Oder sich passiv zuhause dadurch beteiligen, dass sie soziale Kontakte minimieren, um dadurch die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und durch digitale Tutorials und Webinars Orientierung und Information bieten und zudem dem Kulturbetrieb teilweise aufrechterhalten. Jeder kann einen Teil zur Bewältigung der Krise beitragen und dadurch Selbstwirksamkeit erfahren.


4. Stärkung von sozialem Kontakt und Verbundenheit

Wir alle sitzen im selben Boot und auch wenn soziale Kontakte derzeit vermieden werden sollen, gibt es glücklicherweise die Erfindung der Digitalisierung inklusive sozialer Medien und technischen Möglichkeiten wie etwa Video-Telefonie und Online-Konferenzen. Dadurch bleiben wir im Kontakt mit unseren Liebsten in der Familie sowie Kollegen und Kolleginnen, die wir momentan weniger persönlich zu Gesicht bekommen. Generell sollten wir auch daran denken, diejenigen zu informieren und zu kontaktieren, die sich übergangsweise in Quarantäne befinden. Auch wenn viele intensiv mit sich selbst beschäftigt sind und jeder auf seine Art und Weise mit den Entbehrungen und Herausforderungen umgehen muss, kann ein Anruf bei den Großeltern nicht schaden und guttun. Familien, Teams, Generationen und Gesellschaften können in diesen Zeiten zusammenhalten auch ohne sich täglich zu begegnen. Die Zeit der persönlichen Begegnungen wird wiederkommen.

Abb. 3: Während der Corona-Krise kann man mit seinen Liebsten sowie Arbeitskollegen und -kolleginnen auch über zahlreiche digitale Medien kommunizieren.

5. Vermittlung einer Perspektive

Die Apokalypse ist stets das Vorletzte und es wird daher auch eine Zeit nach der Corona-Krise geben. Derzeit kann allerdings noch niemand sagen, wie lange die derzeitige Situation andauern wird. Aber Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen in die Gesellschaft und das Leben im Allgemeinen sind in Zeiten von Krisenstimmung im Ausnahmezustand ein besonders guter Begleiter, um die Herausforderungen zu meistern und schwere Zeiten zu überstehen. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, kann man unterstützen, in denen man in regelmäßigen Abständen die nächsten Schritte beschreibt, um dem Bedürfnis nach Orientierung und Klarheit zu entsprechen, auch wenn noch nichts klares gesagt werden kann und es sich um eine komplexe, dynamische Gesamtsituation handelt.


III. Fazit


Ich freue mich, wenn dieser Beitrag für ein paar Menschen in krisenhaften Zeiten Unterstützung bietet und fruchtbare Anregungen enthält. Kontaktieren Sie mich gerne bei Fragen zur Krisenkommunikation, zum Krisenmanagement oder zu virtuellen Coachings für Ihr Unternehmen und Ihrer Organisation.


Ich wünsche Ihnen Allen Zuversicht, Hoffnung und Selbstvertrauen bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen. Ganz nach der Maxime:


"Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." (Max Frisch)

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