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  • Andreas Matuschek

Moderne Stressoren des 21. Jahrhunderts - mit denen eine Beschäftigung lohnend ist

I. Prolog

Ich kenne sie alle...


...und Sie (wahrscheinlich) auch. Etwa die Erschöpfung nach einer langen Reise, deren einzige Abwechslung aus einer Veränderung des Verkehrsmittels besteht. Wenn es nach der Landung am Flughafen, - bereits ausreichend bedient und mittlerweile sehr müde -, mit Bahn oder Auto weitergeht. Das finale Reiseziel sich aber wie eine Fata Morgana in der Wüste durch Stau auf der Autobahn oder einer Signal- oder Weichenstörung bei der Bahn in Luft auflöst und schlussendlich die Ankunft (falls möglich) in den eigenen vier Wänden für mich einer Erlösung gleichkommt.

Oder die Zerstörung des abendlichen zu-Bett-geh-Rituals - welches hilft, um anschließend in den Schlaf zu gleiten - weil das letztmalige Überprüfen von E-Mails oder Textnachrichten vor dem Schlafengehen mich wegen einer brisanten Nachricht so sehr aufwühlt, dass an Schlaf gar nicht zu denken ist.

Das rastlose Hopping auf dem Smartphone von einer App zur nächsten sodass ich mir dann nach geraumer Zeit die Frage stelle, was ich da tue und davon habe und die magere Ausbeute das Ergebnis der inneren Anspannung durch Reizüberflutung ist.

Das Hinterfragen, wieso es mehr und mehr Menschen auf der Erde gibt und die Digitalisierung und Globalisierung die Verbindung zwischen Menschen auf vielfältige Arten und Weise ermöglicht. Gleichzeitig, aber weniger und weniger Menschen resonante und echte Beziehungen erleben.

Wenn es mir gelegentlich schwindlig wird und mich machtlos fühle, wenn das Virus fleißig mutiert und die Pandemie nicht zu enden scheint oder ich nach der Rezeption von Nachrichten immer kurzfristig geneigt bin, den Schluss zu ziehen, dass scheinbar mehr Schlechtes als Gutes auf der Welt passiert.

Wenn ich ob der Vielzahl von Möglichkeiten bei der Wahl von Produkten jedweder Kategorie, - speziell nun auch bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken -, nach gewisser Zeit der Recherche frustriert das Projekt "Geschenke suchen" erst einmal nach hinten verschiebe, um mich einem anderen Thema zuzuwenden.

Ob es sich um die Fortbewegung im Raum, die ständige Erreichbarkeit, die Überflutung durch Reize oder um den Umgang mit der schier endlosen Anzahl von Menschen auf der Erde handelt oder um Zukunftsängste und das Treffen von Entscheidungen bei großer Auswahl - alle diese Bereiche sind Ihnen wahrscheinlich vertraut. Im Folgenden dazu nun mehr!


II. Mobilität ("Keine Bewegung ohne Reibung")

In dem Film "Falling Down - Ein ganz normaler Tag" entscheidet der von Michael Douglas gespielte Protagonist während des morgendlichen Verkehrsinfarkts in Los Angeles durchzudrehen. Der dichte Verkehr - ohne Aussicht auf schnelles Vorwärtskommen - ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Blenden wir hier einmal aus, dass sich über soziopathische Züge der Figur William Foster ebenso diskutieren lassen würde, wie über seine fragliche, immer weiter zunehmende, Gewaltbereitschaft. Denn zumindest Aggressionen hinter dem Steuer oder einen Anflug von auftauchender Unruhe dürfte den meisten jedenfalls im eigenen PKW nicht unbekannt sein, wenngleich daraus nicht ein Gewaltexzess folgen muss. An manche Belastungsfaktoren lässt sich gewöhnen, regelmäßiges berufsbedingtes Pendeln gehört für die meisten jedoch nicht dazu. Menschen vergessen oder verdrängen oft, dass die Überwindung von Wegstrecken, - ob auf einer Geschäftsreise oder auch der privaten Urlaubsreise -, mit Anstrengung verbunden ist.


Die Pandemie mit all ihren Facetten hat jedenfalls Home-Office für viele Menschen u. a. wegen des Wegfalls von zeit- und nervenraubenden Fahrten von A nach B attraktiver gemacht. Zumindest ist dies ein handfester Vorteil. Mobilität bezieht sich jedoch nicht nur auf den individuellen Straßenverkehr, wenngleich aufgrund der Vielzahl der herumfahrenden Blechbüchsen viele Innenstädte und verdichtete Agglomerationen hoffnungslos verstoppt sind. Mobilität inkludiert alle Fortbewegungsmittel zur Überwindung von Raum. Etwa den Schienenverkehr oder den Verkehr auf allen Arten von Wasserstraßen durch Fähren, Containerschiffen sowie Kreuzfahrtschiffen. Und da es neben der Ausdehnung von Raum in Nord, Ost, Süd und West auch noch die Dimension Höhe gibt, zählt der Flugverkehr ebenso dazu. Während der Pandemie hat die Deutsche Bahn ihr Angebot fast unverändert aufrechterhalten, während viele Flugzeuge am Boden blieben. Es wird sich zeigen, wie sich das Reiseverhalten und das Mobilitätsverhalten insgesamt in den folgenden Jahren entwickeln wird. Ein weltweiter Anstieg der Mobilität, schon weil es immer mehr Menschen auf der Erde gibt, ist jedoch zu erwarten.

Abb. 2: Bei einer Bevölkerung von circa 83 Millionen Menschen in Deutschland gibt es alleine dort circa 67 Millionen zugelassene Fahrzeuge.

Migration von Völkern gibt es schon so lange, wie es Menschen auf der Erde gibt. Ebenso wie die Neugier einzelner Vertreter dieser Spezies, die noch unbekannten, dunklen Flecken des Globus zu entdecken. Nur gibt es auf eben diesem Planeten immer mehr dieser Spezies "Homo Mobilis", was gepaart mit der globalisierten Welt sowohl zu einer Überforderung des blauen Planeten als auch der Coping-Mechanismen der menschlichen Psyche führt.

Der Bereich der Verkehrsinfrastruktur und die Art und Weise wie wir von A nach B kommen, ob in einer Art Hyperloop alla Elon Musk, durch autonome Fahrzeuge oder Flugtaxis, soll hier erst einmal nicht im Vordergrund stehen. Wichtig ist, dass sich Psychologen und Psychologinnen ausgewogen mit den Herausforderungen, ob nun positiv oder negativ, beschäftigen. Das Thema Mobilität, die Gestaltung urbaner und ländlicher Räume, die Ergonomie von unterschiedlichen Fortbewegungsmitteln ist zu wichtig, um es allein anderen Professionen aus Technik, Politik und Wirtschaft zu überlassen. Die Bereiche Verkehrspsychologie, Umweltpsychologie, Architekturpsychologie, Wirtschaftspsychologie und klinische Psychologie sollten sich hier mehr und mehr gegenseitig befruchten und Vorschläge für Mobilitätskonzepte aus psychologischer Perspektive erarbeiten. Denn Werner Mitsch hat vermutlich recht, wenn er sagt:


"Alle wollen zurück zur Natur. Aber keiner zu Fuß."


Deswegen braucht es intelligente Konzepte für die zukünftigen Fortbewegungsmittel.


III. Erreichbarkeit 24/7 (Die Interkonnektivität von allem und jedem")

Wie fühlt es sich eigentlich an, wen die Zeit im Hier und Jetzt ohne Ablenkung vergeht? Sie kennen darauf keine Antwort? Dann ist es nicht komplett abwegig davon auszugehen, dass Sie verlernt haben, Momente des Nichtstuns und der Stille auszuhalten oder vielleicht gar zu umarmen, ohne sich mit dem Smartphone oder Tablet abzulenken. Es ist sicherlich weder der erste noch der letzte Artikel, der dieses Phänomen aufgreift und dennoch ist es immer wieder faszinierend zu beobachten, wie es kaum Momente gibt, an denen man nicht mit einem digitalen Medium interagiert. Vereinzelt werden Sie nun vielleicht inneren Protest verspüren und Beispiele bemühen wie: "Ich jedenfalls lese noch ganz klassisch analoge Bücher auf Papier." Mag sein, aber dies ist hier auch nicht mein Punkt. Es geht um ungefüllte Momente des Nichtstuns, ohne Input oder Output. Wenn ich beispielsweise beruflich in Berlin mit der S-Bahn unterwegs bin, fühlt es sich an, als wäre es die Norm mit gesenktem Kopf in Richtung Smartphone zu blicken - als Beobachter der Menschen in der Bahn macht man sich schon eines Normbruchs schuldig. Und auch ich schaffe es selten drei Minuten Wartezeit ohne Wechsel in der Szenerie in einem S-Bahnhof zu überwinden oder als Fußgänger eine rote Ampelphase geduldig zu überstehen, ohne Blick auf den Bildschirm. Denn dort könnte doch jederzeit eine kleine, aber feine Nachricht warten, welche meinen Neurotransmitterhaushalt so verändert, dass ich für einen kurzen Moment innerlich frohlocke mit dem Gedanken: Hat sich doch wieder gelohnt zu schauen. Als selbstständiger Wirtschafts- & Notfallpsychologe gibt es praktisch auch keinen Tag, an dem ich nicht E-Mails checke oder schreibe und ob beruflich oder privat, es muss schon ein digitaler Detox her, um sich auch von sozialen Medien wie Insta, Twitter, TikTok & Co. nicht unbemerkt haufenweise wertvolle Lebenszeit stehlen zu lassen. Von den sozialen Vergleichsprozessen und anderen Herausforderungen ganz zu schweigen.

Abb. 3: Im Durchschnitt verbringen Menschen in Deutschland 2,5 Std. am Tag mit dem Smartphone. Jüngere Personen von 18- bis 29-Jahren verbringen gar durchschnittlich 4 Std. pro Tag am Handy. Laut Statista gibt es im Jahre 2021 in Deutschland 62,6 Millionen Smartphone Nutzer und Nutzerinnen.

Es geht hier nicht darum, mittlerweile nostalgisch anmutende Gerätschaften wie das stationäre Telefon mit Wählscheibe oder das Hochfahren des ersten eigenen PCs mit Windows 95 und analogem Modem positiv zu verklären - abgesehen davon, dass damals ganz selbstverständlich wunderbare Inseln des Wartens und Nichtstuns bis zur Bereitstellung des gewünschten Services oder der aufzurufenden Website entstanden. Denn nicht alles lässt sich in der Retrospektive wohlwollend umdeuten. Es geht mir vielmehr darum, sich über die Zeit eingeschlichene Gewohnheiten bzw. Muster - ob nun durch eigene Unaufmerksamkeit und Bequemlichkeit oder durch Druck des Arbeitgebers, welcher die ständige Erreichbarkeit erwartet - ab und an zu überprüfen. Darauf zu achten, welches Medium einem in welcher Dosierung guttut und welches nicht, vereinzelt wieder Raum zu schaffen für Gedanken und Emotionen, welche etwas Zeit brauchen, um wahrnehmbar und spürbar zu werden. Und es geht mir um eine ausbalancierte Betrachtung des Phänomens der ständigen Erreichbarkeit. Denn neben angedeuteten kritisch zu betrachteten Herausforderungen der ständigen Erreichbarkeit, hat diese auch unbestreitbare Vorteile. Vielleicht nicht die Erreichbarkeit 24/7, aber zumindest eine häufige Verfügbarkeit. Weil dadurch etwa die Synchronisation von Entscheidungen in Unternehmen oder Teams schneller und gezielter erfolgen kann, genauso wie im Falle von Krisen in der Organisation die Belegschaft zeitnah mit relevanten Informationen versorgt werden kann. Wenige Dinge sind einseitig nur gut oder schlecht, wichtig ist die kompetente Nutzung.


"Im Umgang mit dem Handy gibt es eine simple Regel: Es ist immer unhöflich, Anwesende zugunsten nicht Anwesender zu vernachlässigen." (Agnes Anna Jarosch)


IV. Reizüberflutung ("Infos, News & Reize wohin man auch blickt")

An wie vielen Push-Nachrichten auf dem Smartphone, News im Internet, Bildern und Informationen in sozialen Netzwerken, Kommentaren unter Artikeln, Werbereklamen auf Homepages sind Sie heute schon vorbeigestreift? Wahrscheinlich haben Sie nicht bewusst gezählt, aber wenn Sie sich nicht aktuell in einem "digital detox" befinden oder den Kopf den ganzen Tag unter der Schlafzimmerdecke vergraben lassen, wette ich, dass es eine ganze Menge waren. Dies ist nicht automatisch furchtbar und diejenigen, die den Untergang des Abendlandes predigen, übertreiben wahrscheinlich. Dennoch ist die Überflutung mit Reizen eine genauere Betrachtung wert. Das Wort Reizüberflutung, ist bereits negativ konnotiert, und nicht wirklich neutral, allerdings gibt es tatsächlich einige Faktoren, welche eine Überstimulation des Gehirns bedeuten können. Ein Faktor ist die Kombination der Vielzahl von Reizen wie etwa News, Informationen und Bilder mit der zunehmenden Zeit, die wir damit verbringen, diese zu konsumieren (wie zuvor unter Erreichbarkeit 24/7 beschrieben). Ein weiterer Faktor ist, dass es schwierig ist, sich bewusst den vielen Reizen zu entziehen. Dadurch werden viele Gedankengänge häufig unterbrochen, weil etwa das Smartphone vibriert. Dies erschwert die Konzentrationsfähigkeit und zudem hat die Omnipräsenz von Reizen die Macht, uns mit deren Inhalten zu beeinflussen - ob nun gewollt oder ungewollt.

Abb. 4: Was der Mann mit den grauen Haaren in der Hand hält, nennt sich ein Buch. Dieses Objekt ist ebenso vom Aussterben bedroht wie die Funktion von Fenstern (um während der Fahrt herauszublicken).

Innerhalb der Notfallpsychologie und des Krisenmanagements dient das Vermitteln von Informationen im Rahmen der psychosozialen Notfallversorgung als Orientierungshilfe, zur Rückgewinnung von Sicherheit und als Strukturierungshilfe - und ist somit unabdingbar. So ist es auch während Krisenzeiten, beispielsweise der aktuellen Pandemie, durchaus empfehlenswert, zur Orientierung ab und an die aktuellen News und Veränderungen in Erfahrung zu bringen. Aber wie so oft kommt es auf das Maß an. Denn schnell können die vielfältigen Schlagzeilen und Infos einen übermannen und sind dann keine Hilfe mehr, sondern fördern allenfalls das Gefühl von Ohnmacht und Überforderung. Klingt abgedroschen, aber wie bei vielen Dingen macht es die Balance:


"Der Mensch verliert das Gleichgewicht seiner Stärke, die Kraft der Weisheit, wenn sein Geist für einen Gegenstand zu einseitig und gewaltsam hingelenkt wird." (Johann Heinrich Pestalozzi)


V. Menschendichte ("Zu viele Menschen und zugleich zu wenig echte Begegnungen")

Es gab nie so viele Menschen auf der Erde wie jetzt - aktuell sind es knapp 8 Milliarden. 1975 lag die Weltbevölkerung mit circa 4 Milliarden Menschen noch bei der Hälfte. In nicht einmal 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung also verdoppelt. Diese Betrachtung wird nicht selten herangezogen, ist aber immer wieder schockierend. Gleichzeitig berichten viele Menschen von dem nachlassenden Gefühl einer echten und resonanten Verbindung zu anderen Menschen. Zuerst erscheint dies als Paradoxon, sollten doch mehr Menschen auf der Erde zu mehr Interaktionen untereinander führen. Aber die Quantität von Kontakten sagt nichts über deren Qualität aus. Eine ergiebige "Freundesliste" bei Facebook hat schon vor 15 Jahren nicht das unterstützende Gespräch mit einer guten Freundin ersetzen können und auch ersetzt die virtuelle "Like und Comment-Kultur" in den sozialen Netzwerken nicht echte resonante Beziehungen wie tiefe Freundschaften und die Verbundenheit durch gemeinsame Erlebnisse. Die sozialen Räume sind sicherlich eine weitere Betrachtung wert, hier soll es allerdings im Kern um die Vielzahl von Menschen auf der physischen Erde gehen und die damit verbundenen Herausforderungen. Die zunehmende Menschendichte, einerseits durch Bevölkerungswachstum und durch den nach wie vor anhaltenden Trend zur Landflucht andererseits, hat ebenfalls Folgen für die hier diskutierten Stressoren des 21. Jahrhunderts.

Viele Menschen benötigen viele Ressourcen! In vielen Teilen der Welt wird der Bedarf nach Wachstum und Konsum die nächsten Jahrzehnte voraussichtlich weiter steigen, die Kreislaufwirtschaft steckt noch in den Kinderschuhen und die Weltgemeinschaft macht sich langsam und zäh - mit noch ungewissem Ausgang - in Richtung selbst auferlegten Klimazielen auf. Dies löst bei vielen Menschen - zumindest bei denjenigen, die sich mit dem Thema beschäftigen - Zukunftsängste (VI.) aus.

Abb. 5: Weltweit gibt es laut Destatis aktuell 548 Millionenstädte. In 33 Städten liegt die Bevölkerungszahl über 10 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen.

Je mehr Menschen, desto mehr Bewegung im Raum. Dies stellt Herausforderungen an angemessene Mobilitätskonzepte (II.) dar und da sprechen wir nicht nur von dem Bedürfnis nach Fernreisen und exotischen Urlauben, sondern auch über den globalen Warenverkehr und Migrationsbewegungen u. a. auch wegen Klimaveränderungen und kriegerischen Auseinandersetzungen, etwa aufgrund von Ressourcenknappheit.

Mehr Menschen produzieren auch mehr Infos und News, was wiederum die Reizüberflutung (IV.) weiter verstärken könnte. Ich denke es wird klar, wie die unterschiedlichen Stressoren in weiten Teilen miteinander verbunden sind, sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Auch hier bedarf es Antworten, wobei die psychologische Disziplin ihren Teil leisten sollte, um nicht die Gedanken des Pazifisten und Autoren Raymond Walden...


"Überbevölkerung des Planeten: Zu viele Menschen erzeugen zu viel Unmenschlichkeit."


...einseitig und unangefochten wahr werden zu lassen.


VI. Zukunftsängste ("Es mangelt nicht an ausreichend Dystopien")

Die uns seit fast zwei Jahren begleitende Pandemie ist das beste Beispiel für aktuelle Zukunftsängste der Menschen. Denn viele Menschen sind mittlerweile aufgrund der in Endlosschleife drohenden Lockdowns, der regelmäßigen Überlastung der Intensivstationen, der Spaltung der Gesellschaft in Befürworter und Gegner der ergriffenen Maßnahmen sowie der Gefahr durch die nun diskutierte jahrzehntelange Belastung der deutschen Wirtschaft und des Staatshaushaltes - mürbe, ratlos, hoffnungslos, verängstigt, verunsichert und überfordert. Der Klimawandel, Terrorismus, instabile Demokratien sind weiter drängende Themen, welche bei vielen den Impuls und Wunsch nach einer heilen, überschaubaren, strukturierten und vorhersehbaren Welt aufkommen lassen.

Abb. 6: Eine Dystopie ist eine meist in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird. Zum Nachdenken lädt etwa die britische Science-Fiction-Serie Black Mirror von Charlie Brooker ein, in welcher verschiedenartige Auswirkungen der Verwendung von Technik und Medien auf die Gesellschaft thematisiert werden.

Ängste sind natürlicher Teil des Lebens und des Mensch seins und dennoch gibt es nicht DIE Angst, sondern ganz unterschiedliche Formen davon. Manche Ängste gilt es zu überwinden auf dem Weg persönlicher Reifung, andere Ängste sind Warnsignal vor einer drohenden Gefahr, wieder andere sind in ihrer Dimension so einschneidend, dass sie die Kriterien für eine psychische Störung erfüllen. Was fast alle Menschen gemeinsam haben, ist die Angst vor Veränderungen - mit dem Blick zurück in die Vergangenheit oder nach vorne in die nahe Zukunft muss man konstatieren, dass Veränderung eher die Regel, als die Ausnahme ist. Die Beschäftigung mit Zukunftsängsten sollte daher verstärkt in den Blick genommen werden, um Menschen mit der Eröffnung einer Perspektive, mit der Stärkung der psychischen Widerstandsfähigkeit, der Förderung von Selbstreflexionsfähigkeiten, der Pflege und dem Aufbau von resonanten Beziehungen, der Partizipation in die Veränderungsgestaltung sowie durch die bedingungslose Akzeptanz der vorhandenen Ängste und Beschäftigung damit, so gut wie möglich auf unterschiedliche zukünftige Welten einzustellen, anzupassen oder aktiv mitgestalten zu lassen.


„Das Bild vom furchtlosen Helden täuscht. Er ist ein Fantasieprodukt. Ein Held, der keine Angst hat, braucht keinen Mut. Die Angst ist eine ständige Begleiterin. Ohne Angst lebt kein Grenzgänger lange. Die Angst ist die andere Hälfte von Mut.“ (Reinhold Messner)


VII. Entscheidungen ("Das Paradoxon der freien Wahl")

Bereits im Artikel "Psychologie 3.0 im digitalen Zeitalter" habe ich über die scheinbar unerschöpflich vorhandenen Wahlmöglichkeiten geschrieben. Die unterschiedlichen Konsequenzen, die aus den vielen Wahlmöglichkeiten entstehen, haben rein gar nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Konsequenzen sind etwa, dass wir uns mit zunehmenden Wahlmöglichkeiten immer schwerer damit tun, eine Entscheidung zu treffen. Zudem steigt etwa die Fehleranfälligkeit für die passenden Vorhersage der Konsequenzen einer einmal getroffenen Entscheidung. Man sollte meinen, dass die freie Wahl zwischen Optionen und das Treffen von Entscheidungen, ohne Normenkorsett oder gesellschaftliche Verpflichtungen, die Glücksgefühle in die Höhe schnellen lassen sollte. Bis zu einem gewissen Grad mag dies auch stimmen. Wenn Menschen keine Wahlmöglichkeiten haben, weil sie etwa zu einem bestimmten Lebensweg gezwungen werden, bringt dies wieder andere Folgen - wie etwa Reaktanz (die Motivation zu dem Wiedererlangen eingeschränkter Freiheit) - mit sich. Zu viele Möglichkeiten bezogen auf das persönliche Lebenskonzept, den Studienort und das Studienfach, die passende Partnerwahl, das Urlaubsziel usw. ist allerdings für viele Menschen eine sehr belastende Situation. Manche verfallen dann in Lethargie bzw. Passivität, weil sie bei der Entscheidungsfindung keinen Fehler machen wollen und die anderen scheinbar ähnlich attraktiven Alternativen ständig vor dem inneren Auge herumschwirren.

Abb. 7: "The Paradox of Choice" (dt. Anleitung zur Unzufriedenheit) des US-amerikanischen Psychologen Barry Schwartz ist eine vortreffliche Einleitung ins Thema um die Qual, die mit der Wahl verbunden ist.

Die Betonung von Individualismus und des massenhaften Konsums in einer Gesellschaft, fördern allerdings nicht selten Ich-Bezogenheit vor Altruismus, Nehmen statt Geben sowie Hybris vor Bescheidenheit. Die Mechanismen wie wir Entscheidungen treffen und unser Narrativ der Welt - mit unseren ganz eigenen Glaubensätzen und Vorstellungen - ist der Unterschied, der den Unterschied macht. Denn nur durch kognitive Strukturierung, Werte und Willenskraft, können wir uns den Weg der "freien" Entscheidung bahnen, hin zu gegenseitiger Rücksichtnahme, Respekt und nachhaltigem Handeln.


„Wenn du eine Entscheidung treffen musst und du triffst sie nicht, ist das auch eine Entscheidung.“ (William James)


VIII. Epilog

Abschließend bleibt mir nicht viel mehr, als Sie zur aktiven Beschäftigung mit den erwähnten Stressoren einzuladen. Nichts davon lässt sich im Alleingang verändern, und doch lässt sich vieles aktiv gestalten, wenn man erst einmal um die Belastungsfaktoren weiß und sich deren nicht ohnmächtig und passiv ergibt, sondern überlegt, an welchen Stellen man wie, ob nun allein oder in einer gebündelten Initiative, damit umgeht und teils negative Folgen abschwächt oder verhindert. Im Grunde ist es wichtig, sich immer wieder erneut mit den Belastungsfaktoren zu beschäftigen, was ja bereits auf vielfältige Art und Weise geschieht. Und da wer Lösungen produzieren möchte, über Lösungen und nicht nur über Probleme sprechen sollte, sind Sie herzlich eingeladen, sich mit konstruktiver Kritik, Lösungen, Anmerkungen, Vorschlägen usw. bei mir zu melden.


Ihr Andreas Matuschek





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